Avengers: Endgame

Avengers: Endgame ★★½

Bevor ich heute ins Kino ging, hab ich mir noch mal meine „Avengers: Infinity War“-Kritik durchgelesen, um mir all die tollen Aspekte des ersten Teils in Erinnerung zu rufen. Wie ich davon schwärmte, dass die Russo-Brüder mit fast unglaublicher Präzision unzählige Handlungsstränge gekonnt verwoben. Wie ein Studio, das nicht gerade für denkwürdige Antagonisten bekannt ist, urplötzlich einen der brillantesten Bösewichte der Blockbustergeschichte aus dem Ärmel schüttelt. Und wie sich zwischen all dem Getöse immer die richtige Mischung aus emotionalem Unterbau und Spektakel fand. Und jetzt, nach einem Jahr ausharren, zahllosen Theorie-Videos auf Youtube und großen Hoffnungen, kann ich nun sagen: All das, was ich an Infinity War geliebt hatte, ist Endgame…nicht. Verglichen mit dem grandiosen Vorgänger ist das hier nicht nur der deutlich schlechtere Film, sondern eine grandiose Enttäuschung.

Ich muss gestehen – ich bin tatsächlich ernsthaft frustriert, dass es gerade mal einen weiteren Teil gebraucht hat und all die guten Ansätze des Vorgängers sind wieder völlig über Bord gegangen. Plötzlich ist Thanos wieder der eindimensionale Tunichtgut, der ab und zu mal im Hintergrund vor sich her grummelt – mehr Tiefe oder Entwicklung gibt es für den Titanen nicht mehr. Klar, der hatte seine Momente dafür im Vorgänger, der seinen Charakter-Arc ziemlich klar zu Ende führte, aber „Endgame“ müsste wie auch schon „Infinity War“ trotzdem für sich genommen funktionieren. Weil hier aber noch mehr als dort viel Vorwissen vorausgesetzt wird und man sich Charaktermotivationen offenbar aus den vorigen Filmen selbstständig zusammendenken muss, wirkt „Endgame“ nie wie ein in sich geschlossener Film, sondern ein Bilderband aus 10 Jahren Marvel-Kino.

Und weil Marvel es mit dem Slogan „das epische Finale einer zehnjährigen Reise“ wirklich, WIRKLICH ernst meint, ist das hier mehr ein Abhaken sämtlicher Fanservice-Checkboxen, statt eines kohärenten Einzelwerks. Wie einmal im Schnellverfahren durchs Poesiealbum blättern wirkt das, jeder Charakter bekommt seinen eigenen, speziellen Moment, manchmal um mit vergangenen Dämonen abzuschließen, manchmal um den Fans nochmal zu zeigen „Guck mal, die Figur haben wir auch nicht vergessen.“

Abstruserweise kommt das Pacing in diesen Momenten beinahe zum Erliegen, während der Film andernorts viel zu gehetzt wirkt. Da findet Tony Stark tatsächlich innerhalb einer einzigen Szene mal eben die Formel, für eine der weltbewegendsten Entdeckungen der Menscheitsgeschichte, Ant-Man entkommt aus einer Misere, weil ein Nagetier zufällig über die Apparatur schlendert und die Frage, wie Stark nun überhaupt zur Erde zurückkehrt, wird durch banalste Plotconvenience "beantwortet". Im harten Kontrast dazu stehen viele Dialog- oder Monologsequenzen, die unnötig ausgewalzt werden. Wer den redundanten Motivationsphrasen aus den Trailern noch nicht überdrüssig ist, darf sich auf volle drei Stunden weitere „Egal was es kostet“-Tiraden einstellen.

Was mich dabei vor allem schockiert ist, wie sehr dieser Film konzeptionell aus der Rolle fällt. Vielleicht vor allem deshalb, weil „Infinity War“ zuvor so anders war, als der übliche Marvel-Einheitsbrei und „Endgame“ nun genau dort wieder angelangt ist. Es wirkt beinahe, als hätten die Russo Brüder für „Infinity War“ all ihr Feuer verpulvert und würden nun wahllos drauflos filmen. Tonal ist das hier zB völlig uneben. Zu Beginn quälend langatmige Trauerbewältigung, wird „Endgame“ dann zur Mitte plötzlich zum Kindergarten. Ein Schenkelklopfer jagt hier den nächsten, Slapstick-Momente, kesse Oneliner, nahezu keiner davon wirklich clever oder der allgemeinen Grundstimmung entsprechend angebracht. Und - bei allem was heilig ist - was die Russos hier mit Thor veranstalten, grenzt an Heldenschändung – ich hab mich lange nicht mehr so für eine Figur und ihren Darsteller fremdgeschämt.

Überhaupt will den Brüder dieses Mal kaum etwas vernünftig gelingen. Derart drastische Logiklöcher (wieso kann eigentlich plötzlich jeder, wie er lustig ist, die Infinitysteine anfassen?) gab es so im Vorgänger nicht. Und der Mittelteil, den die Russos als „Heist Movie“ verkaufen wollen, dabei aber nicht im Ansatz verstanden zu haben scheinen, was einen guten Heist-Film ausmacht, hat mich beinahe eingeschläfert Das plumpe Umhergespringe zwischen den Örtlichkeiten des Marveluniversums lässt weder das perfekte Timing, noch die Spannung der großen Heist-Klassiker erkennen.

Man muss aber auch sagen: das hier fühlt sich immerhin wirklich wie ein episches Finale an. Einige Türen werden geschlossen, andere leicht offen gehalten, vor allem im großen Finale (das praktisch im Alleingang die Wertung noch im positiven Rahmen hält) wird es dann noch einmal richtig episch. Die erste Riege der Avengers bekommt hier zumindest auf den letzten Metern ein „Farewell“, das mehr als angemessen ist. Einige Momente werden die Langzeitfans in völlige Ekstase versetzen, andere nachhaltig schockieren.

Und klar, auch ich komme da nicht umhin, anzuerkennen was diese Filme, dieses Universum bis hierhin erreicht haben. Ich wünschte nur, die Marvel-Filme würden, wie nun leider auch „Endgame“, nicht immer nur von Moment zu Moment funktionieren, sondern auch mal wieder komplette, vollwertige Filme hervorbringen. „Infinity War“ war so ein Werk – mutig, clever erdacht und mit versierter Hand inszeniert. „Endgame“ ist, obgleich er die Fans wohl mit dem Ende zufrieden stellen wird, rein filmisch nur ein Schatten dieser Glanzleistung.

Die Frage, die für mich bleibt ist: ist das jetzt nur ein magerer Abschluss oder ein trauriger Blick in eine Zukunft, voll mit weiterem Marvel-Mittelmaß?

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