Captain Marvel

Captain Marvel ★★

Irgendwie erschreckend. Nicht, dass die zähe Origin-Schablone auch hier wieder nicht viel mehr als die üblichen Checkpoints abhakt und ansonsten beliebig vor sich hin dümpelt, sondern weil "Captain Marvel" selbst Angesichts dessen noch ein krasser, formaler Rückschritt ist. Keine einzige Actionsequenz reißt mit. Kein einziger Lacher, die hier wirklich mit aller Gewalt forciert werden, funktioniert - vor allem der Wortwitz will so gar nicht zünden. Selten trägt Blockbuster-Kino derart großspurig auf wie hier - und bleibt dabei wirklich über die gesamte Laufzeit derart "egal".

Das Drehbuch ist unfokussiert, bekommt zu keiner Sekunde die vielen Figuren, neuen Rassen und politischen Verwicklungen genügend auserzählt. Bis auf Nick Fury steht jede weitere Figur praktisch nur im Bild, um die Szene voller wirken zu lassen. Von einem erinnerungswürdigen Ensemble im zumindest thematisch ähnlich verorteten "Guardians of the Galaxy" ist das hier Meilen entfernt. Stattdessen wirtschaftet sich das Drehbuch an Belanglosigkeiten ab und erzählt im Grunde von großem Nichts - ohne jegliche Konsequenzen, ohne große emotionale Fallhöhen. Wie in einer TV-Serie aus den Neunzigern. Und tatsächlich: Irgendwann hatte ich kurz das Gefühl, ich säße im neusten Kinoableger von "Star Trek: Die nächste Generation" - mit all seinen grünen und blauen Aliens, denselben banalen Figurenzeichnungen und überschaubaren Produktionswerten. Was Kostüme und Ausstattung angeht ist "Captain Marvel" erschreckend "cheap". Von der vollmundigen Ankündigung im Vorfeld, "Captain Marvel" sei ein "80s/90s Film", merkt man gleich überhaupt nichts.

Und - und das ist sogar für Marvels Reißbrett-Verhältnisse neu - Carol Danvers ist die vielleicht unsympatischte Figur, die mir je als Superheld aufgezwungen wurde. Stoisch, fast trotzig und emotional unterkühlt wirkt sie, und zwar bis zu einem Grad, der sie völlig eindimensional erscheinen lässt. Dabei hat doch "Wonder Woman" eigentlich längst gezeigt, dass man eine Frau, auch ruhig noch Frau sein lassen darf, statt sie als bockige Göre zu zeichnen, deren entnervter Gesichtsausdruck dafür aber meinen eigenen beim Kinobesuch ganz gut wiedergegeben hat.

Carol Danvers Backstory wird nie richtig greifbar, bis auf ein paar Flashbacks erfährt man über ihre Figur nahezu nichts - mehr Gewicht bekommt die Figur nicht. Eine emotionale Fallhöhe existiert obendrein nicht, immerhin werden alle sozialen Interaktionen mit einem kessen Oneliner abgehandelt. Lediglich unter Frauen existieren komplexere Satzstrukturen.

Denn - und auch das ist ein großes Thema in "Captain Marvel": Women Empowerment! Aber sowas von. Hier sind jetzt daher endlich auch mal die Kerle die Dummerchen, die Stichwortgeber und die, die es aus Notlagen zu retten gilt. Da spielt während der zentralen Actionsequenz dann ausgerechnet "Just a Girl" von No Doubt ein, ob das nun passt oder nicht...was zählt ist ja die Aussage.

"Captain Marvel" hat allerdings nicht einfach nur eine Message, sondern vielmehr eine Agenda. Und die gilt es dem Publikum regelrecht den Rachen herunter zu zwängen. Spätestens wenn aus Woman Empowerment dann aber toxische Züge werden, weil Männer auf Peniswitzchen reduziert, männlichen Pappaufstellern Köpfe abgeschossen und der Mann als Ganzes per Alien-Scanner als "schwächlich" klassifiziert werden, nimmt die Nummer eher bedenkliche Züge an. So raubt sich "Captain Marvel" mit seinem eigentlich guten Anliegen viel Schlagkraft, stellt sich eher noch ein Bein...auch das hat "Wonder Woman" weitaus eleganter hinbekommen.

Da will man mit großen Schritten Revolutionäres für die Filmindustrie schaffen und hüllt diesen mageren Versuch ausgerechnet in ein formal zutiefst rückständiges Korsett, dass sich im Marvel-Maßstab direkt neben den schwächsten Vertretern (Ant Man und Iron Man 2) einreiht. Erschreckend. Und dann irgendwie auch wieder nicht.

BeHaind liked this review