BeHaind has written 9 reviews for films rated ★★★★ during 2021.

  • Titane

    Titane

    ★★★★

    Ist „Titane“ das abgefuckteste Statement zum Thema Identität und Selbstfindung, das die jüngere Filmgeschichte zu bieten hat? Ist es eine irrsinnige Verdrehung von Geschlechterrollen, ein blutgetränkter Aufschrei der Selbstbestimmung? Ist das hier das wahnwitzige Märchen von einer die auszog ein zu Hause zu finden, nur um dabei von einer dysfunktionalen Familie zur nächsten zu schlittern? Ist es eine tieftraurige Metapher auf inter-generationale Traumavererbung? Oder ganz einfach die moderne Auserzählung dessen, was sich selbst Body Horror-Pionier David Cronenberg in seinem Autosex-Thriller „Crash“…

  • The Father

    The Father

    ★★★★

    Bei aller Diskussion um „Saw“ und „Candyman“ oder „Malignant“ ist es regelrecht absurd, dass für mich ein vom Theaterstück zum Film übersetztes Drama über Demenz zum schaurigsten Albtraum des Jahres gehört. Anthony Hopkins verschwindet zunächst förmlich in der Rolle als Vater am Ende seiner Lebensreise und später, wenn sein Geist nur noch aus fragmentarischen Erinnerungsfetzen besteht, birgt der Blick in seine Augen den ultimativen Horror - all die Verwirrung und Angst, die sich bisweilen in verzweifelter Wut ihren Weg bahnen…

  • Stillwater

    Stillwater

    ★★★★

    Mit stoischer Ruhe packt Matt Damon seine Tasche, steigt ins Auto, nur um sie wenig später durchsuchen zu lassen, bevor er seine Tochter sehen darf, die im Gefängnis von Marseille ihre lebenslange Strafe absitzt. In Damons Gesicht passiert dabei zugleich alles und nichts - nach außen kaum gerührt, zeigen die Augen das Innenleben eines Mannes, der viel durchgemacht hat, aber nie gelernt hat, seine Gefühle zu zeigen oder überhaupt zu spüren.

    Zu schreiben, Damon sei die große Offenbarung von „Stillwater“…

  • Promising Young Woman

    Promising Young Woman

    ★★★★

    Gekleidet in BonBon-bunte Farben, fancy Musicbites und toll fotografierte Bilder lässt „Promising Young Women“ zunächst kaum erahnen, dass unter der Oberfläche ein Film lauert, der so wütend, tieftraurig und bitter ist, wie lange kein Werk aus Hollywood. Allein diese brillant konzipierte Metaebene, die clever spiegelt, dass von Frauen jederzeit erwartet wird, die hübsche Fassade zu wahren, während um sie herum alles in Scherben liegt, zeigt wie ernst es den Machern um Regisseurin Emerald Fennell mit ihrer Message ist.

    Klar, manche…

  • Nomadland

    Nomadland

    ★★★★

    Wäre Terrence Malick nicht irgendwann im Schwurbel-Dickicht verloren gegangen, er würde heute vermutlich Filme machen wie Chloe Zhao: naturalistisch, humanistisch und poetisch, ohne leere Phrasenhülsen aus dem Off. „Nomadland“ erzählt sich fast ausschließlich über Momentaufnahmen, über Charaktere und kleine Geschichten, mäandert dabei aber nicht ziellos ins Aus, sondern bleibt stets nah an Francis McDormands Hauptfigur und den bildschönen Landschaftspanoramen. Zhaos Kameramann hat ein fantastisches Auge für kraftvolle Bilder, für Menschen und Emotionen und lässt so ganz nebenbei ein Kaleidoskop unterschiedlichster…

  • Sorry to Bother You

    Sorry to Bother You

    ★★★★

    Haaaach...ich liebe diese Sorte Film! Nach „The Art of Self-Defense“, „Under the Silver Lake“, „The Beach Bum“ endlich wieder bewiesen bekommen, dass ich doch nicht plötzlich meinen Humor verloren habe, sondern eben nur dann richtig laut lachen kann, wenn es völlig abgespaced wird. Stoff-Stop-Motion, sprechende Tiere, Ohringe, die geheime Botschaften übermitteln und einer der besten Gags findet fast diebische Freude daran, die Protagonisten eine absurd lange Zahlenkombination in ein Tastenfeld tippen zu lassen.

    „Sorry to bother you“ ist als hätte Michel…

  • Minari

    Minari

    ★★★★

    Es ist erstaunlich, wie leichtfüßig "Minari" die gängigen Tropes im Familiendrama-Segment umschifft und dabei trotzdem eine relevante, herzergreifende und zeitgenössische Geschichte zu erzählen vermag. Das hier hätte ganz leicht "yet another" Diskrimierungsmarathon werden können, mit Hillbillys, die die fremdartigen Einwanderer beschimpfen, der Familie, die sich gegen Anfeindungen zur Wehr setzt und am Ende doch obsiegt.

    "Minari" ist nicht diese Sorte Film. Ich finde, "Minari" ist nicht einmal eine Geschichte des amerikanischen Traums, wie vielerorts zu lesen ist. "Minari" ist stattdessen…

  • Wolfwalkers

    Wolfwalkers

    ★★★★

    Fast hätte ich mir gewünscht, "Wolfwalkers" noch ein bisschen mehr zu mögen als ich es ohnehin schon tat. Der vierte Film vom Animationsstudio Cartoon Saloon (Die Melodie des Meeres) ist ein Fest für Augen und Herz, die Zeichnungen sind magisch schön, erinnern an Märchenbücher und ein bisschen an Kritzeleien, die ich selbst als Kind aufs Blatt gekrakelt habe. Selbst wenn einige Hintergründe dadurch manchmal etwas krude wirken, entsteht dadurch eine reiche Welt, die - mittlerweile typisch für Cartoon Saloon -…

  • Les Misérables

    Les Misérables

    ★★★★

    Großartige Milieustudie, ernüchternder Statusbericht einer desillusionierten Generation und faszinierender Einblick in Pariser Polizeiarbeit in einem, roh und verdammt lebensnah. Wie „Training Day“ im echten Leben. Ich hätte den schillernden Figuren der Banlieues noch deutlich länger zugucken können, die zweite Filmhälfte verlangt dann aber nach dramatischer Zuspitzung. Die verfehlt ihre Wirkung zwar nicht, „Les Miserables“ verliert dadurch aber etwas vom faszinierenden Straßenflair des Einstiegs. Für einen ersten Langspielfilm ist „Les Miserables“ aber beachtlich selbstbewusst und bildsicher inszeniert. Ehrlicher kann Kino kaum sein.