Joker ★★★★½

Hört zu, ihr Cineasten, ihr Schneeflocken. Hier ist ein Film, der sich viel gefallen lassen wird, der geduldig alles einstecken muss. Hört genau zu, ihr Skeptiker, ihr Schwärmer. Hier ist ein Film, der auf der Rasierklinge tanzt. Ein Film, der sich gegen den heuchlerischen Abschaum, die Nostalgie-Nutten, die miesen Schweine, die nur noch an sich selbst und nicht mehr an andere denken, den Formel-Dreck und die mediale Scheiße wehrt. Hier ist einer, der sich wehrt. Der seine Welt einfach nur brennen sehen will. Hier ist… „Joker".

Hört zu, ihr komplexen Wesen, ihr Hitzköpfe. Hier ist ein Mann, der sich nicht mehr alles gefallen lassen wird, der nicht mehr geduldig alles reinsteckt, was sieben Medikamenten-Rezepte ihm vorschreiben. Hört genau zu, ihr Nerds, ihr Analytiker. Hier ist ein Mann, der sich nicht mehr als Miet-Clown demütigen lässt. Ein Mann, der sich gegen den heuchlerischen Abschaum, die Lifestyle-Nutten, die miesen Schweine, die nur noch an sich selbst und nicht mehr an andere denken, den Gotham-Dreck, die Waynes und die mediale Scheiße wehrt. Hier ist jemand, der seine Welt einfach nur brennen sehen will. Hier ist… Arthur Fleck.

Hört zu, ihr Kritiker, ihr Filmverrückten. Hier schreibt einer, dem sehr viel an diesem Film gefallen hat, der geduldig entflammt wurde. Hört genau zu, ihr Zweifler, ihr Freidenker. Hier schreibt einer, der sich wie alle von uns Kritik gefallen lassen muss, wenn er seine Meinung mit allen teilt. Einer, der sich gegen den Skrupel, langweilige Texte zu tippen, die blanke Birne, die miesen Fallen, in die man bei diesem Film jederzeit treten kann, den Gedanken-Dreck, der vom reinen Film-Genuss abhält und die restliche Scheiße wehrt, die beim Schreiben blockiert. Hier schreibt jemand, der sich wehrt. Hier schreibt… a happy face.

So weit, so Scorsese. Ideenlosigkeit vernebelt die Realität. Alles ist weit weg. Alles ist eine Kopie einer Kopie einer Kopie. Deswegen muss auch der Clownprinz des Verbrechens erstmal leiden, bevor er tanzen darf: Ja, „Joker“ ist ein Martin Scorsese-Best of. Er arbeitet sich vor allem an „Taxi Driver“ und „King of Comedy“ ab. Todd Phillips hat nie einen Hehl draus gemacht, ein Riesen-Fan dieser Filme zu sein. Oder von Marty himself. Immerhin war er ja auch kurzzeitig als Produzent an Bord. Und deshalb fließen auch „Mean Streets“ und „Bringing Out the Dead“ mit ein. Das muss man nicht originell finden. Es geht auch hier um einen Entrückten. Um einen traurigen Clown, der einem falschen Idol nacheifert. Um einen kaputten Menschen in einer kaputten Welt. Und wie sich beides so lange begünstigt, um jeweils zu kollabieren. Kennen wir schon, hatten wir schon.

Genau wie so viele Gedanken, Befürchtungen oder Empörungen, die diesen Film begleiten. So wird es Menschen geben, für die wird dieses Psychogramm eines Comic-Psychopathen zu oberflächlich sein. Oder zu feige, wenn zum Beispiel offen väterliche Nähe und Respekt eingefordert wird. Es wird Menschen geben, für die wird dieses Gotham zu nah an heutigen Gesellschaftsproblemen sein. Ungeachtet der Zeit, in der es stattfindet. Es wird Menschen geben, denen wird das alles zu viel Zündstoff sein. Oder zu viel Rechtfertigung, zu viel Klagelied für die Isolierten und Abgehängten. Und es wird Menschen geben, die die ganze Problematik viel intelligenter und weiser analysieren werden als ich.

Um das Thema abzuhaken: ja, der Film ist gefährlich. Zumindest spielt er gerne mal gefährlich. Zum Beispiel, wenn Gothams brodelnde Bewohner von Gothams berühmten Bewohnern als „Clowns“ bezeichnet werden. Wenn gestrichene Sozialetats einwirken. Oder wenn ein großer Moment der Metamorphose mit Gary Glitters „Rock and Roll Pt. 2“ unterlegt wird. Das ist weder zufällig, noch fahrlässig. Das ist überlegt provokant. Und eben sehr weit weg vom doch recht klaren Weltbild der Batman-Comics. Wer will, sieht dies alles als weitere Warnung an ein Land, das für ziemlich viele Menschen von einem orangenen Clown regiert wird. Wer gar nicht anders will, sieht darin einen Aufruf zur Gewalt.

Was ich gesehen habe? Einen Film, der mir Schauer der Begeisterung über den Rücken jagt. Der mich mit seinem Retro-New Hollywood-Ansatz völlig abholt. Der einen fantastischen Hauptdarsteller besitzt. Der dem DC- oder Batman-Universum einen neuen Kick gibt. Der sich auf diese Weise angenehm anders als etliche Entstehungsgeschichten anfühlt. Der einen der berühmtesten Schurken der Popkultur erklärt, ohne ihn zu entzaubern, zu banalisieren oder zum weinerlichen Wüstenbengel, der keinen Sand mag, zu machen. Und ein Film, der all die Aufregung kaum rechtfertigt.

Weil Phillips es geschafft hat, dass ich mich in Arthur und seinen Geisteszustand einfühlen kann, ohne deren Taten zu glorifizieren oder entschuldigen. Es gibt ein paar, aber auch wirklich nur ein paar Szenen, die sind so hart, so reingesteigert, so unmittelbar, hilflos und ja, irre, dass ich mir moralisch einfach keine 2. Meinung bilden konnte. Es gibt nur wenige Comicfilme, die Vergleichbares aufweisen. (Einer davon ist tatsächlich auch von DC). Aber dann gibt es eben auch Sätze wie „the worst part about having a mental illness is that people expect you to behave as though you don’t“. Und die erzeugen dann schon wieder irritierend viel Empathie. Unterstützt von Phillips irritierender Inszenierung.

Denn er spielt immer wieder mit Wahn und Wirklichkeit. Gekonnt, wenn auch nicht völlig mutig. Immer wieder anders, als Scorsese es gemacht hat. Meist weit weg von der Vorlage und ihrer Fantastik, aber dann auch wieder dezent, einzigartig, aufregend oder stilsicher in den Ideen, mit denen er die Batman-Historie einbettet. Dass auf diese Ideen bisher noch niemand gekommen ist, hat mich genauso vibrieren lassen, wie der Score von Hildur Guðnadóttir, der mit seinen Bässen und Cellos ein finsteres Zerrbild der „Dark Knight“-Hörner erzeugt. Und es hat mich genauso gefesselt und fasziniert wie die Kamerabilder von Lawrence Sher, der mit dampfenden Straßen, trostlosen Menschen, vergilbten Gebäuden, Licht, das nur durch Dunst, Dreck und Zigarettenqualm zu uns dringt, mit Krankenwagen, die durch Tunnel jagen, hervorgehobenen Farben, abgeranzten U-Bahn-Stationen und körniger Auflösung Gotham zum Hexenkessel macht. Inklusive diverser ikonischer Postermotive, wie der Tanz des gärenden Teufels im blassem Neonlicht einer öffentlichen Toilette.

Und damit wäre ich endlich bei Phoenix. Mit einem Wort: überragend. Wie er sich bewegt, schlurft, raucht, sich windet, ob vor Schmerz oder Verzückung. Wie er den dürren Körper anspannt oder immer wieder aufrechter sein lassen will, als er ist. Wie sich Freude, Pein, Optimismus und Weltekel in seinem Gesicht ausdrücken, vor allem in den Augen. Wie er lacht, so schräg, gequält, neurologisch ausgelöst, krankhaft unbeherrscht, wie eine Hyäne, die kaum noch Luft kriegt. Vielleicht die traurigste Lache der Filmgeschichte, aber eine Performance für die Ewigkeit. Es schien fast unvorstellbar nach Nicholson und Ledger. Sicher, Arthur ist erstmal mehr arme Seele als allgemeingefährlicher Irrer, was bestimmt auch nicht jeder mögen wird. Doch ich konnte und wollte bei allem, was er macht, einfach nur hinsehen und mitgehen. Eben, weil es in einem dritten Akt und Arthur-Joker endet, der mich erschaudern ließ. Ich weiß nicht, wann ich das zum letzten Mal wegen eines Schauspiels gefühlt habe. Schrecklich, schillernd, sardonisch, stark. Alles auf einmal. Kennt Ihr das? Wenn man so einmal leichter den Rücken durchschütteln muss? Applaus, Mr. Phoenix.

Finale Worte, die ich schon mal gesagt habe und bestimmt noch öfter sagen werde: „Joker“ lets me put on my happy face. Weil er sämtliche Vorlagen nimmt, sie immer wieder verzerrt oder gegen die Erwartungen des Kenners ausspielt. Weil er nicht nur Scorseses New Hollywood zu seiner DNA macht, sondern auch Filme wie „Clockwork Orange“, „Death Wish“ oder sogar „Dirty Harry“ spiegelt. Weil er so irritierend wie intensiv ist. Weil er sich trotz aller Nostalgie so frisch anfühlt, so anders als all die Superhelden-Originfilme der letzten Jahre. Weil er so grandios gespielt ist. Und weil es sich einfach gut anfühlt, dass noch solch polarisierendes Popcorn-Entertainment entstehen kann. Nicht der nächste „Taxi Driver“ der Filmgeschichte, aber der erste „Joker“ für das Comic-Kino. Mit grinsenden Grüßen: ein Clown.

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