Annette

Annette ★★★★★

Erster Film im Kino 2022
Bester Film im Kino 2022

Als Freund seiner Filme wäre es ein Leichtes zu sagen: „Leos Carax, Du hast es mal wieder geschafft!“

Aaallerdings: 
Nicht wenige Medienwissenschaftler behaupten ja (verkürzt), E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ sei, vom technischen Aspekt her, die Grundierung des Kinos insgesamt, weil dieses stets eines „Apparats“ bedürfe, Angelegenheiten menschlichen Interesses zu reflektieren, namentlich: den Filmprojektor + Leinwand. 
Viele Theorien auch, insbesondere das Horror-, Fantasy-, Science-Fiction- - das fantastische - Kino umkreisend, verweisen ebenfalls oft auf E.T.A. Hoffmanns schmale Lektüre, als, wenn man so möchte, ‚Urknall‘ dieser Entwicklung.

Was dieser Film hier - ‚Annette‘ - anders macht: Er speist sich nicht aus E.T.A. Hoffmanns Vorlage, wie all das (knapp) 125-jährige Kinodings zuvor, sondern er entwickelt den „Sandmann“ weiter - nicht technisch natürlich, sondern adaptiv/erzählerisch. Und das gar nicht erst anhand des augenscheinlichen Apparates - ‚Annette‘ - sondern anhand der (kulturellen) Immersion, die hier stattfindet*, und dazu führt, dass die Ersten den Film nach 15 Minuten verlassen, Viele den Film „aushalten“, Manche dem Film applaudieren. Das hat nichts mit „Elite“ oder „imao“ zu tun, sondern ist wahrscheinlich stimmungs- oder erwartungsabhängig - wie immer 😅

Die ganzen ungelenken Behelfsvermorphungen à la ‚La La Land‘ trifft David Lynch oder ‚The Producers‘ Julia Ducournau kann man sich getrost schenken (aber auch merken, unpassend sind sie nicht).

Was hier zudem für Aufwände betrieben wurden, für z.T. minimale Sets in verschiedenen Ausländern (?) ist kaum hoch genug zu bewerten. Dass Adam Drivers, aka ‚Henry McHenrys‘ Comedy ziemlich von Eric André ‚inspiriert‘ wirkt ist - Gegenteil - kein Manko, sondern weiterer Beleg für Erweiterung, hier: im Comedy-Bereich; und Leos Carax gießt es mit Adam Driver in eine publikumswirksamere Gussform. Nicht zuletzt die Musik und Songs der ‚Sparks‘ sind auch groß - ob sie das Hollywood-Kino dekonstruieren vermag ich nicht zu urteilen. Mit den großen Kompositionen, an denen sie sich orientieren in Gänze mithalten können sie nicht.
Dennoch: Was für ein Film. Leos Carax = Chuzpe.

Merkwürdig nur, dass in den Danksagungen Leos Carax zuerst der Name Edgar Allen Poes fällt. Andererseits auch nicht merkwürdig, denn: Eine seiner Inspirationen soll gewesen sein: E.T.A. Hoffmann, „Der Sandmann“.

Der Autor dieser Zeilen wartete auf diesen Film seit Carpenters „Mächte des Wahnsinns“ (1994) und hat fortan wieder Freude/Hoffnung am Kino der Zukunft.

*eine teilweise Ununterscheidbarkeit zwischen Kino-Publikum und Im-Film-Publikum z.B., aber nicht so ‚haneke‘esk‘, sondern „entertaining“

Block or Report

Ruth-Maria liked these reviews

All