Annette

Annette ★★★★

Ich bin ein wenig traurig drüber, dass ich diesen Film letztes Jahr im Kino verpasst habe. Denn ANNETTE ist ein besonderer Film, der sich seiner eigenen Medialität bewusst ist und deswegen gerade am Anfang sehr stark mit den Erwartungen des Publikums spielt. Was für eine Art von Performance betrachten wir überhaupt? Von einer Tonaufnahme im Studio über das Ausbrechen mittels melodramatischer Musical-Elemente bis hin zu Stand-Up-Comedy-Auftritt à la Bo Burnham, Oper-Aufführungen in renommierten Theaterhäusern und Boulevard-Medienberichterstattungen, entweder über den TV-Kanal oder die Website des Vertrauens. Eins ist ANNETTE aber ganz sicher und zwar ein Musical, doch sind die Songs so eingefädelt, dass man sich nicht sicher sein kann, ob die Lieder der faktischen Realität entspringen oder aber Imagination und Verbildlichung der inneren Konflikte darstellen.

Solch gewiefte Inszenierungsweise, auch wenn sie immer mal wieder in Banalitäten umschlägt, fasziniert mich. Die Störpunkte stehen aber von Anfang an fest: So erscheinen die Songs selbst teilweise repetitiv, da sie sich oft wiederholen, und gerade die Lyrics sind platt, generisch und plakativ gewählt - zum Beispiel ist das erste, was eine Gruppe Polizeibeamte von sich gibt, der Gesang "We are the Police", als würde das Kostüm das nicht schon verraten. Die Lieder hätten da gerne etwas anspruchsvoller sein können. Ebenfalls zweifelhaft fällt die Besetzung von Marion Cotillard aus, wo man doch auch eine professionelle Sopranistin hätte casten können (Cotillard merkt man an, dass sie normalerweise nicht in der Oper singt).

Was aber ANNETTE so spaßig und gleichzeitig anspruchsvoll macht, sind die komischen und verrückten Ideen - ganz gleich ob in der Requisite oder der filmischen Stilmittel versteckt - die vor allem viel Interpretationsspielraum in sich bergen. Als etwaiges Beispiel ist das gemeinsame Kind von Adam Driver und Marion Cotillard eine lebendige Holzpuppe, doch wird dieser materiell außergewöhnliche Zustand zu keiner Zeit angesprochen. Wofür steht die Holzfigur oder wofür kann sie stehen? Für einen Fremdkörper, der aus einer lapidaren Beziehung ein Lebensdelikt macht, allerdings vielmehr die Dysfunktion der Liebe personifiziert? Oder für die materielle Unmenschlichkeit, mit der sich die Eltern ihre Ausbeutung des Kindes zu rechtfertigen wissen? Oder stellt die Holzpuppe eine Anspielung auf Pinocchio dar und symbolisiert die Lügen, aus der das Kind entstanden ist? Abseits davon ist der Film mit Allegorien vollgepackt, über die sich Gedanken zu machen Freude bereitet.

Schlussendlich bildet ANNETTE aber erfolgreich und sozialkritisch eine Sensationsgesellschaft ab, die in erster Linie auf jedes sich erdenkliche Spektakel sowie Drama aus ist. Selbst wir als Publikum werden von Driver damit konfrontiert, wobei klar ist, dass niemand sowie jeder in diesem System Schuld mit sich trägt. Stellenweise mag der Film sehr plump wirken und daher nicht jeden abholen, aber medienübergreifend lässt sich ANNETTE wohl als Musical beschreiben, das allerdings nach dem Vorbild der klassischen Oper in eine Drei-Akt-Struktur eingeteilt ist und ebenfalls typische Motive, Narrative und das Melodramatische anspricht. Zumal durfte ich (abermals) dem Tod der Madame Butterfly lauschen...

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